Peking auf dem Teller

Neun Tage Peking. Nicht ansatzweise genug Zeit, diese Megacity in Ruhe auf sich wirken zu lassen, alle atemraubenden Bauten zu bestaunen. Das sollte man auch gar nicht erst versuchen. Viel lieber sollte man die Zeit nutzen, um so viel wie möglich zu essen. Und genau das habe ich getan – nur zum Wohl der Kaviarkanone natürlich. 

Nudeln mit Gemüse

mjam, mjam, mjam, mjam, mjam

Ich bin ehrlich: Hätte ich nicht das unwiderstehliche Angebot bekommen, in Peking bei Eltern einer Freundin Unterschlupf zu bekommen – ich wäre wohl nie hingefahren. China stand einfach nicht auf meiner Bucket List. So wenig wie Gänsestopfleber auf meiner Bucket List stand. Aber dazu später mehr. Schon im Flieger fragte mich Dörthe, meine reizende Begleitung: Was möchtest du alles sehen? Und ich antwortete: Wo gehen wir essen?

Pünktlich zum Sonnenaufgang holte uns der Fahrer vom Flughafen ab und ich klebte an der Scheibe: Peking. Bei fremden Eindrücken bin ich immer noch begeisterungsfähig wie ein kleines Kind. Nach einem kurzen Nickerchen, einer Dusche und einem Kaffee erkundeten wir zunächst zu Fuß unsere Umgebung. Erster Stopp: Save the People, thailändisch. Mangosalat mit getrockneten Garnelen, Sommerrollen, gedünsteter Spinat, Satayspieße und gelbes Curry. Alles in die Mitte und brüderlich geteilt. Von jetzt an für die nächsten neun Tage.

Chinesisches Bier

Abendbrot und Bier im Jin Bao

Ein paar geröstete, gesalzene Erdnüsse und sauer eingelegtes Gemüse haben uns am Abend unfassbare Lust auf kaltes Bier gemacht und so bestellten wir dann auch das gute, alte Tsingtao im Jin Bao. Dazu gab es geraspelte Kartoffeln mit Frühlingszwiebeln, Hähnchen mit Erdnüssen und Chilis und Salat mit Räuchertofu. Viel zu viel für zwei Persönchen, aber so ist das nun einmal mit der Urlaubsdekadenz. Und ich kam nicht aus dem Staunen heraus. Erstens, weil das Jin Bao extrem grotesk eingerichtet war – für mein westliches Verständnis von stilsicherem Geschmack versus himmelschreiendem Kitsch. Staubige Plastikblumen auf den Tischen, Stuck und Kronleuchtern an den Decken, ein meterhohes, meterlanges Gemälde westlicher Gentlemen an einer Tafelrunde, schwarzgerahmte Bilder von vertrockneten Blumen an den Wänden, die mit barocker Tapete tapeziert waren, terracottafarbene Wachstischdecken und schwarz-weiß gekachelter Boden. Und die Stühle, die Stühle! Mit gelb-rosafarbenen Blütenmustern überzogen. Hallelujah.

chinesisches Essen

Lisa eating things

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Räuchertofu-Salat

 

 

 

 

 

 

 

Das, was mich nicht nur ins Staunen versetzte, sondern auch zum Entzücken brachte,war der Geschmack des Essens. Ich drücke es mal ganz platt aus: Es schmeckte alles sehr gut. Sehr herzhaft, nicht zu salzig, und doch konnten wir nicht stoppen, uns fast gierig Stäbchen um Stäbchen mit den köstlichen Gerichten in den Mund zu stopfen. War das das berühmte Umami? Das böse Glutamat? Wir können es nur vermuten. Fakt ist: Kopf- oder Magenschmerzen bekamen wir vom Essen keine, nur ein wohliges Verlangen, die gleiche Portion sofort wieder zu verputzen.

Chinesische Mauer

Die Mauer, ich, der obligatorische Bambushut und eine sehr teure Dose kaltes Bier

Am nächsten Tag stand dann unweigerlich doch die erste und nicht unerheblichste Sehenswürdigkeit auf dem Programm: Die Mauer. Bei fast 40 Grad war es eine ziemlich gute Idee, schwitzend, umzingelt von zahlreichen Mücken, hunderte von Treppenstufen zu erklimmen, bis wir endlich ankamen: Changcheng, die Mauer.

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Und schon wieder: Unbändiges Verlangen nach einem kalten Bier. Zum Glück gab es an einem der Eingänge einen kleinen Kiosk, an dem wir uns mit Tsingtao versorgten. Selten hat ein Bier so gut geschmeckt wie dort in den Bergen, mit dieser atemraubenden Aussicht.

Als es dämmerte, belohnten wir uns im Fez, einer der zahlreichen Rooftopbars mitten in Sanlitun, mit den besten Mojitos, die ich je getrunken habe. Eventuell trug auch die Kulisse zum Geschmack bei, ganz sicher aber sorgte die sehr intensive Minze für den süßen Geschmack des Drinks. Während wir beide an unseren Gläsern nippten, beobachteten wir die anderen Nachtschwärmer, wie sie ausnahmslos flaschenweise ihre Drinks bestellten.
Das Viertel Sanlitun beschreibt gut das, was in Peking Tag für Tag mehr Kultur zerstört. Bis vor einigen Jahren noch eine sehr beliebte Ecke mit vielen kleinen Bars und rotlichtigen Kneipen, ist ein Großteil des Charmes mittlerweile einem riesigen Shopping-Areal mit großen Brands von Miu Miu über Vera Wang bis Versace gewichen. Man könnte weinen. Oder Frustessen.

Streetfood China

Streetfood Peking: Teigtaschen mit Kohl. Dörthe und ich.

Ich denke, es dauert nicht mehr lange, dann ist Peking eine dieser vielen gesichtslosen Städte mit etlichen Hochglanz-Shoppings mit westlichen Brands. Keine schrammeligen, liebenswürdigen Markets mehr, keine Streetfood-Lädchen, sondern Foodcorners in klimatisierten uniformierten Malls, keine Hutongs mit hutzeligen alten Chinesen, die in den Gassen Majong spielen, sondern nur noch mehr Konsumtempel. Kaufen, kaufen, kaufen.

Die wunderschönen Hutongs, wo wirklich noch viele Einwohner Pekings leben, erkundeten wir mit den Fahrrädern. Die kleinen erdgeschossigen grauen Häuser, die sich hinter schweren Eisentüren noch in kleine Gässchen verzweigen, haben oftmals keine eigenen Bäder, sodass die Bewohner des jeweiligen Hutongs in Waschhäuser und öffentliche Toiletten gehen. Die Häuser sind so winzig, dass sich das Leben auf der Straße abspielt. Sport findet in den Parks statt, gespielt wird auf den Gehsteigen an der Straße – wo auch nicht zu knapp und nicht zu leise ständig hingerotzt wird. Lautstark und kräftig. Damit das Schlechte aus dem Körper geht – wenn man sich erst einmal an das Geräusch gewöhnt hat, könnte man es neben dem ständigen Hupen der Rikshas, Mopeds und Autos fast als Sound der City bezeichnen.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Dumplings gegessen im Din Tai Fung. Und das gleich so gut, dass es schwer wird, den Geschmack zu übertreffen. Dumplings sind gefüllte Teigtaschen. Gedämpft, gebraten, frittiert. Gefüllt mit Gemüse, Garnelen, Schweinefleisch, Rindfleisch, Krabbenfleisch, Brühe … Dörthes Eltern weihten uns in die richtige Technik ein (auf keinen Fall einfach in einen mit fast kochender Brühe gefüllten Dumpling beißen, aber letztlich schwört jeder auf eine andere Abbeiß- und Ausschlürftechnik). Stundenlang futterten wir uns durch die unterschiedlichsten Dumplings und tranken dazu zwei, drei, vier Gläschen chilenischen Casillero de Diablo. So muss es im Himmel sein, glaube ich.

Dumplings

Dumplings mit Shrimp, Schweinehackfleisch und Brühe

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Dippen, aufstechen, genießen oder aufstechen, mit Dip mischen und genießen… oder reinbeißen und Verbrennung riskieren

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Aus Teig ausgestochenene Tierchen zeigen an, mit was die Dumplings gefüllt sind.

Wer die Chance hat, irgendwo richtig Dumplings essen zu gehen: Macht es! Nach diesem Festessen müsste man meinen, wir hätten für die nächsten Tage gesättigt sein müssen und würden in kulinarischer Askese leben. Aber dafür blieb keine Verschnaufpause, denn Tags darauf besuchten wir das Hatsune. Sushi-Time.

Der ein oder andere könnte jetzt denken: Lisa? Das hast du doch nicht ernsthaft alles gegessen? Doch, habe ich, aber wir haben alles geteilt. Und das finde ich so wunderbar. Nicht, dass ich nicht vorher wusste, dass die Esskultur in China eine andere ist, aber so richtig bewusst ist mir das erst geworden, als wir einen Abend mal keine Lust auf gedünstetes Gemüse und gebratenes Fleisch hatten, sondern Appetit auf eine richtig gute Pizza – und zum Italiener gegangen sind. Auch dort haben die Chinesen alles geteilt. Was von außen betrachtet schon seltsam wirkt, wenn der Teller Spaghetti Bolognese ebenfalls in die Mitte des Tisches gestellt wird und sich alle mit ihren Stäbchen daran bedienen. Die Idee finde ich großartig. Alles wird geteilt, jeder kann alles probieren. In Deutschland ist das in einigen Restaurants verpönt, wenn Gäste vom Nachbarteller räubern. Pff.

Wein übrigens: Auch Wein setzt sich allmählich in China durch. Weinanbaugebiete etablieren sich langsam und einige ambitionierte Unternehmer und Sommeliers versuchen den chinesischen Gaumen für den Geschmack der Trauben zu schärfen (siehe beispielsweise hier der Bericht vom Handelsblatt).

An unserem letzten Abend vor der Heimreise zogen unsere Gastgeber noch einmal alle Register und luden uns in ein Restaurant im Hutong ein: Chinesisches Menü in 15 Gängen. Ein Traum.

Neun Tage Peking gingen mit einem sensationellen Paukenschlag zu Ende. Während ich diese Worte tippe und die Fotos durchsehe, zieht sich mein Bauch zusammen: Hunger und Fernweh, es ist verflixt. Diese laute, große, oft stinkende, außergewöhnliche Stadt hat mich fasziniert, im Guten und im Schlechten. Ich habe sehr gut gegessen, außergewöhnliche Konsistenzen auf der Zunge gehabt, Salziges, Bitteres, Süßes, Saures probiert. Ich habe die Menschen gern beobachtet, mit ihren Teeflaschen, ständig am Spucken, Arm in Arm mit ihren Nachbarn, mit ihren klapprigen Taschenrechnern stets bemüht, den best price auszuhandeln, mit ihren Schlitzhosen für Kleinkinder, den stylischen Mundschützen, wie sie da hockten auf den Gehwegen und stundenlang in diesen seltsamen Posen diskutieren konnten. Es soll nicht meine letzte Reise dorthin gewesen sein. Kulinarisch gesehen war Peking ein Vorort des Himmels. Und ausschließlich darum soll es in diesem Bericht gehen. Achja, und Reis übrigens, den muss man explizit extra bestellen, sonst bekommt man keinen.

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Die heimlichen Stars auf dem Tian’anmen Platz waren weder das Mausoleum, noch das große Porträt, sondern die deutschen Blondinen, mit denen sie alle Fotos machen wollten.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Lisa,
    Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude..Vielen Dank für diesen wunderschönen Artikel, ich hab den Geschmack von Algensalat und Dumplins schon auf der Zunge und sehe die vielen verschieden Tellerchen mit Köstlichkeiten schon vor mir..Die einzige Schwierigkeit wird darin bestehen, das ganze kleckerfrei mit Stäbchen in den erwartungsvoll geöffneten Mund zu bekommen! Dank der von mir nicht sonderlich perfekt beherrschten Technik führt das allerdings auch dazu, das sich die Gewichtszunahme während des Urlaubes dann auch in Grenzen hält. Obwohl…Cassilero de Diablo, Mojitos in der Rooftopbar in Salintun, das leckere „Frauenbier“Tsingtao und der Aperol bei Astrid über den Dächern von Peking… ich freu mich total auf unseren Urlaub und danke dir für die vielen Anregungen in deinem Artikel. Meiner Freundin Bettina und mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen und meine Erinnerungen aus Peking vom letzten Jahr hast du auf wunderbare Weise aufgefrischt!! Wir haben echt Glück so tolle Freundinnen zu haben, ohne die wir diese Erfahrungen wohl nie gemacht hätten.
    Viele Grüße aus Ilsede
    Andrea

  2. Hallo Andrea 🙂
    Das finde ich auch und ich bin ihnen auch ewig dankbar, dass ich das alles mit und bei Ihnen erleben durfte. Ihr werdet sicher genauso viel Spaß haben wie wir, den Mojito genauso schätzen und euch im Tin Tin Shop richtig austoben… Das Schöne an dem Essen in Peking ist ja, dass das meiste nur gedünstet und damit gesünder ist, als das meiste, das wir hier in Deutschland so verputzen. Und da es sogar bei der Maniküre lauwarmes Wasser zu trinken gibt und Astrid den Obstsalat auch dünstet, macht der Magen vor Dankbarkeit geradezu Luftsprünge 😉
    Viel Spaß euch unbekannterweise (und noch gute Besserung…)
    Liebe Grüße
    Lisa

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